Interview: Rolf Stahlhofen & Frank Mallm (Bodega Großkarlbach)
Rolf Stahlhofen:
Jetzt hast du so einen schönen Schuppen hier! Und was ich total klasse finde, ist, dass du wirklich seit 30 Jahren diese Kulturflagge so hochhältst und Leute aus der ganzen Welt hier einlädst. Die verlieben sich in die Pfalz und tragen das irgendwie mit nach Hause in die Welt. Das finde ich total geil. Und eigentlich ist es das, was die Gegend hier ausmacht: dieses schöne Lebensgefühl und und und… Und dann hast du aber den Alltag. Da will ich jetzt gerne mal wissen, was los ist.
Frank Mallm:
Jawoll! Ist halt deshalb… Tschüss! Das ist alles nicht so einfach. 30 Jahre – also 30 Jahre habe ich nicht die Bodega. Ich habe die seit 17 Jahren, aber ich habe davor schon Hoffeste und Konzerte gemacht. Da fing das ja schon an.
Und ja, auf der einen Seite: Ich bin selbst Musiker gewesen, bis ich 18 war. Ich war Flötist – acht Jahre Querflöte – und drei Jahre habe ich schon Gitarre gespielt. Mein Gitarrenlehrer hat mich dann in eine Band reingebracht. Also bin ich von der Klassik in den Jazz und dann in eine Band gekommen. Wir hatten etliche – zwei, drei – Auftritte in Mannheim damals. Da war ich 17, 18, und es muss gut gewesen sein. Aber dann hat sich leider die Band aufgelöst, da kamen die Mädels ins Spiel und ich habe es ein bisschen bedauert.
Ja, aber ich habe mir dann irgendwann einen Traum verwirklicht und habe die Musiker zu mir geholt. Mein Traum war immer, irgendwo was zu haben… Ich bin ja Schreiner. Nach dem Abi habe ich eine Schreiner-Ausbildung gemacht, war danach auf der Akademie in Stuttgart und wollte Möbeldesign machen. Da wollte dann unbedingt der Uli Benz was mit mir machen – der war Sohn vom Rolf Benz, dem größten Sofa-Hersteller und so. Ich wollte mich aber nicht verbiegen lassen. Mein Traum war immer, was zu haben, wo ich aus dem Fenster gucke – ob es jetzt eine Schreinerwerkstätte ist, voll schöne Sachen machen, oder was anderes. Und ich gucke raus und gucke in die Landschaft, ins Grüne. Und das hatte ich ja hier.
Nur haben sie uns da mordsmäßig über den Tisch gezogen. Es hieß, es sei unverbaubar für die nächsten 20, 25 Jahre – und das war’s. Sie haben es beschlossen gehabt und haben uns versprochen, dass es so ist. Aber ein Gemeinderat hat das Baugebiet beschlossen, gegen das ich schon acht Jahre gekämpft habe, viermal vor dem Oberverwaltungsgericht war. Ich konnte es am Schluss nicht verhindern. Bei der vierten Klage – zwei habe ich gewonnen, die dritte war ganz knapp – bei der vierten haben sie mir dann meinen Verwaltungsrichter einfach abgekauft. Weggenommen! Der hat die Seiten gewechselt. Ja, sonst hätte es das nie gegeben, weil ich wusste: Wenn da was kommt, kann ich meinen Traum nicht verwirklichen, so was hier zu machen. Weil du brauchst halt ein bisschen Raum, du brauchst ein bisschen Platz. Du weißt, Musik bedeutet auch ein bisschen Lautstärke. Wobei meine Konzerte ja gar nicht so laut sind. Du gehst raus und hörst dann fast nichts mehr. Heutzutage machen sie hier Techno-Veranstaltungen…
Rolf Stahlhofen:
Darf ich dich unterbrechen? Wie viele Konzerte hast du in der Woche hier gemacht oder…
Frank Mallm:
Ich habe eigentlich nur in der kalten Jahreszeit Konzerte gemacht – ja, wenn sowieso die Tür zu war und die Leute draußen nichts Großes gehört haben. Weil im Sommer ist es hier an der Weinstraße… da gibt es 700 Weinfeste oder so. In 17 Jahren habe ich so um die 580 Konzerte mit Musikern aus der ganzen Welt gemacht. Also vor Corona.
Rolf Stahlhofen:
Du hast es ja nicht gemacht, um jetzt zu sagen: „Ich werde jetzt der große Impresario und werde reich damit“, sondern das war bei dir wirklich Liebe, Leidenschaft und eine Mission. Und ich habe gerade einer anderen Person erzählt, was mir hier an diesem Ort gefällt: Es erinnert mich daran, als ich angefangen habe, Musik zu machen. Kennst du noch vor 30, 35 Jahren? Da konntest du hier im Umkreis von 50 Kilometern sieben Tage die Woche spielen. Wie oft habe ich den Jason angerufen oder den Germers Michel und gesagt: „Was machst du heute Abend? Komm, wir gehen in die Kneipe, weil da kriegen wir umsonst zu essen und zu trinken und wir machen Musik!“
So, und was aber wichtig war: Man konnte sich da auch ausprobieren. Und es hat einem keiner krumm genommen, wenn du mal einen schiefen Ton gespielt hast. Und das erinnert mich hier daran. Wir waren ja heute auch sehr zusammengewürfelt und so weiter und so fort. Die hatten eine Trefferquote von 90 %, und 10 % war Gänsehaut. Und dafür bin ich dankbar! Dafür bin ich dankbar, dass es genau solche Orte gibt, weißt du? Wo du nicht perfekt sein musst, wo es auch völlig egal ist, wie viele Follower du hast. Du hast deine Künstler nie eingeladen nach Relevanz in den Social Media oder Medien, sondern du hast deine Musiker immer eingeladen nach: „Gefällt es mir?“ Zu dir kommt man ja nicht als Gast, sondern es kommen Freunde zu dir.
Du hast gesagt: „Okay, gefällt es mir und meinen Freunden?“ Damit hast du in meiner Wahrnehmung mehr für Kultur getan als ganz, ganz viele subventionierte Kulturbetriebe. Das ist gelebte Kultur und es ist ein Lebensgefühl der Pfalz. Man trinkt gern einen guten Schoppen, man hat ein gutes Essen dabei. Es ist sehr chaotisch bei dir, was aber auch geil ist! Weil ich gehe ja nicht zu dir in eine Kneipe, sondern ich treffe einen Kumpel. Und dann sind ganz viele Leute da, die einspringen und helfen usw.
Dass so was jetzt wieder beschossen wird, weil es nicht in die Ordnung des Ordnungsamtes passt – das ist das, wo ich sage: Warte mal, können wir nicht in der Welt, die immer digitaler wird, mehr solche analogen Tempel schaffen und Lösungen finden? Also hört auf, mich zu verklagen, sondern nehmt mich an die Hand! Weil ich nehme euch ganz viel Druck weg, ich nehme euch ganz viel Verantwortung weg. Weil wenn wir nicht da sind, ist keine Kultur da. Ihr dürft gerne rumrennen und sagen, wenn ihr draußen seid: „Wir sind übrigens aus Großkarlbach – das ist da, wo die Bodega ist.“ Weil Großkarlbach kennt man außerhalb wegen der Bodega, leider jetzt nicht wegen dem örtlichen Stahlhandel oder was es hier auch gibt, weißt du?
Wir haben ja gerade am Schluss auch gesagt: Everybody needs someone to love. Wenn deine Nachbarn nerven oder die von dir genervt sind – sie sollen hierherkommen und die Liebe spüren! Das ist ein Norddeutscher. Wahrscheinlich ist es ein cooler Fischkopp und kennt die Pfalz gar nicht so richtig. Der kennt das Lebensgefühl der Pfalz gar nicht. Das ist Glück, dass der jetzt bei der CDU ist, weil die anderen Scheiße gebaut haben, und auf einmal ist er Bürgermeister. Vielleicht sollte man gucken: Wie tickt denn die Pfalz wirklich? Wie klingt eigentlich Großkarlbach für einen Norddeutschen? Das ist schwierig, das ist eine ganz andere Mentalität. Da wollen wir uns nicht festlegen. Weil das Schöne am Pfälzer ist: Der macht die Arme auf und sagt: „Komm mal vorbei! Willkommen!“ Weißt du, so. Und ich bin mit offenen Armen empfangen worden und habe das aufgesogen.
Was wünschst du dir denn? Wo siehst du denn die Bodega in einem Jahr? Und wo siehst du das in fünf Jahren? Und zwar, wenn der Herrgott sagt: „Alles wird gut“, wenn die Gemeinde sagt: „Alles wird gut“, und wenn vor allem der Menschenverstand sagt: „Das kriegen wir hin!“
Frank Mallm:
Ich wünsche mir einfach, dass es noch so ein bisschen weitergeht. Es ist eh schwieriger geworden für alle. Wir sind in einer absoluten Krise. Und wie du schon gesagt hast: Es ist total wichtig, so Ruhepole zu haben, dass die Leute, die total gestresst sind, die um ihre Jobs bangen… Wir sind in einer der größten Wirtschaftskrisen, die wir momentan haben. Du brauchst so Punkte, wo du mal wieder zur Ruhe kommst, wo du einfach aufatmen kannst, wo du die Hände in die Luft reißen kannst und „Yeah!“ schreist. Da muss man viel Luft holen zum Durchatmen.
Rolf Stahlhofen:
Was mir hier gefällt, ist, dass hier jeder herkommt. Es geht nicht darum: „Ich gehe jetzt weg, um gesehen zu werden“, sondern: „Ich gehe jetzt dahin, um Leute zu treffen, die ich gerne um mich rum habe.“ Das Gefühl habe ich. Wenn du aufhörst zu spielen, ist viel Gerede und die Leute freuen sich und tauschen sich aus. Und in dem Moment, wo die Musik anfängt, halten sie die Klappe und hören zu. Das heißt, sie können wertschätzen, was du auf die Bühne bringst. Und sie haben aber auch einen Ort, sich auszutauschen. Das ist früher wie wenn die Leute sich auf dem Marktplatz am Brunnen getroffen haben. Dann kam der Barde in die Stadt rein… Das ist eigentlich wie ein schöner Tempel. Und ich sage einfach: Es braucht Common Sense, um zu verstehen, wie wichtig das ist. Das wünsche ich dir.
Ich verspreche dir: Ich werde einmal im Jahr für dich hier spielen! Ich verspreche dir, solange der Herrgott mich singen lässt, singe ich!
Frank Mallm:
Ja, es war heute so affengeil! Ihr wart ein zusammengewürfelter Haufen, ganz spontan, aber es war hammermäßig!
Rolf Stahlhofen:
Es liegt aber auch am Ort und am Betreiber! Vielleicht liegt es auch daran, dass du uns mit dem Essen lange hast warten lassen und wir hungrige Musiker waren und ein geiles Publikum hatten. Dafür gab es umso mehr! So sieht es aus. Möchtest du uns mal erzählen, wie die Situation jetzt aussieht?
Frank Mallm:
Die aktuelle Situation sieht einfach so aus: Ich hatte Rückhalt die letzten acht Jahre durch unseren Verbandsbürgermeister, der erste Kreisbeigeordnete war und auch Chef der unteren Bauaufsichtsbehörde, die mir jetzt solche Schwierigkeiten macht. Das war auch ein Frank, so wie ich, zehn Jahre jünger: der Frank Rüttger. Der ist als Underdog Verbandsbürgermeister geworden und wir hatten gleich nach zwei, drei Wochen ein Gespräch. Da habe ich zum ersten Mal ein Lob bekommen.
Ich hatte hier ja Schwierigkeiten, das war ein Politikum, weil ich sehr lange gegen dieses Baugebiet gekämpft habe – acht Jahre! Fünf verschiedene behördliche Pläne haben da striktes Bauverbot im absoluten Überschwemmungsgebiet. Du musst dir vorstellen: 1861 gab es fünf Ertrunkene in diesem Weiher bei einem Unwetter. Es ist also nicht ohne, gerade unter heutigen Gesichtspunkten. Ich war ja auch politisch aktiv: fünf Jahre für die Grünen im Gemeinderat. Ich habe zweimal für den Bürgermeister kandidiert – einmal für die Grünen, dann noch mal parteilos. Letztes Jahr hätte ich vielleicht besser ein drittes Mal kandidiert, weil viele gesagt haben: „Frank, diesmal wollen wir dich wählen!“ Aber ich habe den Vorzug dem Nachbarn gegeben, der älter ist und der Ruhe und Frieden in alles gebracht hätte. Er hat für die Grünen kandidiert.
Und dann ist halt ein Unbekannter für die CDU aufgetreten: dieser Herr Wichmann.
Rolf Stahlhofen:
Wie kann man den einfangen, den Herrn Wichmann?
Frank Mallm:
Gar nicht. Der ist schon älter, der ist 73. Seine erste Aktion war, dass er unten eine ganz schöne Location schließen wollte, die es erst seit dreieinhalb Jahren gibt – das Di Bello. Du kannst da Eis kaufen und und und… der ist ausgebucht ohne Ende! Da ist er reingegangen, kaum dass er gewählt war, und hat gesagt: „Ich schließe Ihren Laden!“, weil der Angelo nur ein Uniklo hatte. Aber das hatte Bestand aus den 60er/70er Jahren.
Rolf Stahlhofen:
Was ich von dir wissen will: Am Schluss ist ja das Wichtige, einen Nenner zu finden – und wenn es der kleinste gemeinsame Nenner ist. Was würdest du dir vorstellen? Meinst du, das braucht vielleicht mal so was wie einen Mediator, der euch beide an den Tisch setzt und wirklich sagt: „Hey, wir setzen euch beide an den Tisch und ihr könnt beide mal erzählen, was eure Probleme sind.“ Weil die haben Probleme mit dir und du mit denen. Und dann muss man sagen: „Aber pass mal auf, das hier ist doch ein Geschenk an die Gesellschaft und an die Gemeinde. Wie kriegen wir das zusammen hin?“
Ist es nicht im Interesse, mal Parteipolitik auf die Seite zu schieben? Lass sie das in Berlin machen – hier lebt der Mensch! Die Pfalz ist ein Sinnbild in Deutschland von Lebensqualität, Freude am Leben und Genuss. Und dazu gehört Musik, ein guter Wein und Essen mit Seele. Da muss man eine Möglichkeit finden. Aber die müssen halt auch verstehen: Du machst hier keine Gastronomie, sondern du schließt auf und sagst: „Hier, ich stelle meinen Partykeller zur Verfügung.“
Frank Mallm:
Stellt das zur Verfügung, was ich immer machen wollte: schöne Dinge machen. Ich bin ein kreativer Mensch. Ich hätte Gott weiß was machen können mit dem, was ich hatte. Aber da wäre mir vielleicht der Kopf geplatzt und ich wollte was Kleines, Schönes machen. Ich habe aus dem alten Gemäuer ein Kleinod gemacht!
Guck mal: John Gomm, ein Nordengländer – da hat der Queen-Gitarrist vor Jahren gesagt, als er seinen Hit Passion Flower hatte: „John Gomm is the future an der Gitarre!“ Ein Tap-Gitarrist. Der kommt hierher und sagt, so was kennt er sonst nur aus der Toskana. Der war zweimal da. Und das ist nicht der Einzige!
Rolf Stahlhofen:
Das kann ich von mir aus auch sagen. Ich habe das Glück, seit 30 Jahren an schönen Orten Musik zu machen – auch an Orten, wo alles funktioniert, alles Chichi und fein ist. Da bin ich gerne, aber wenn ich jetzt hier bin und sehe, wie du da stehst und der Gitarrist vorbeikommt, mit dir anstößt und sagt: „Das Essen war geil!“, dann geht der mit einem ganz anderen Gefühl weg. Er geht weg mit dem Grund, warum wir angefangen haben, Musik zu machen: Menschen zu treffen, um zusammen zu sein. Gute Orte! Deswegen kommen ganz viele Leute hierher – Good Vibes.
Hierher kommen Leute, um eine andere Währung zu bringen als Geld. Oder ihr gebt mir eine andere Währung als Gage: die Währung, dass ich weiß, wenn ich irgendwann in der Nähe bin und dich anrufe: „Frank, meine Familie ist da. Schmeißt du mal was auf den Grill? Wir machen uns einen schönen Abend!“ Diese Geschichten – das ist ein absolutes Miteinander. Es ist nicht wirtschaftlich, sondern etwas fürs Karmakonto, was fürs Herz. Da wird es eine Lösung geben. Jeder Mensch – egal in welcher Partei – wird eine Stimme in sich hören und sagen: „Wir müssen einen Weg finden, dass es funktioniert.“
Du hast den Mediator angesprochen: Wie wäre es mit dir?
Frank Mallm:
Ich bin zu sehr ein Fan von dir! Das heißt, ich wäre nicht neutral.
Rolf Stahlhofen:
Aber da gibt es andere Leute! Du darfst nicht vergessen: Ich hatte heute einen Gitarristen da, der ist Staatssekretär für Wirtschaft, Verkehr, Weinbau usw. Und er ist Musiker! Dem hat es auch gefallen. Der ist politikerfahren, und was uns verbindet, ist Bock auf die Gesellschaft. Vielleicht muss man einfach sagen: Frank, vielleicht musst du mal vom hohen Pferd runterkommen und sagen: „Ich wollte… ich habe jetzt immer gekämpft.“ Am Schluss war es ein Test. Das Leben ist Joy and Pain. Dann kriegst du immer wieder eins ins Genick und denkst: „Ich habe keine Kraft mehr“ und wird patzig. Oder man sagt einfach: „Weißt du was? Das Ding ist so geil, ich lade dich ein!“ Wie heißt der Bürgermeister? Wichmann? „Herr Wichmann, wir machen jetzt hier eine Sitzreihe. Die sponsern die Musiker für Herrn Wichmann! Ich zahle die ersten 100 € für die Bank. Er hat immer seinen Platz und darf seine Leute einladen!“
Frank Mallm:
Ich habe das ja auch schon versucht. Wir hatten Alan Doherty hier – kennst du wahrscheinlich nicht, aber ich als Flötist kenne ihn: Alan, The Flute aus Irland. Der hat mitgewirkt bei der Trilogie Herr der Ringe, die Filmmusik hat einen Oscar bekommen. Das war der Alan! Ich hatte ihn zweimal hier gehabt. Der Alan ist wirklich ein Unikum, klasse auf der Flöte, Wahnsinn! Er ist mit seiner Band ALDOC gekommen und sie waren klasse. Ich habe ihm von den Problemen mit dem einen Nachbarn erzählt. Da sagt er: „No problem, I’ll make it!“ Es war im Sommer. Er hat seine Jungs genommen, CDs mitgenommen und ist rüber. Sie hatten einen Bassisten dabei, waren zu fünft oder zu sechst. Er sagt: „Warte mal ab, ich bin charmant, ich kann das!“ Nach zwei Minuten kam er wieder und hat gesagt: „You are right. She is a bitch!“ Sie wollten die einladen, hatten CDs dabei – einen Oscarpreisträger quasi, damit die Nachbarn mal rüberkommen.
Die Nachbarn sind eine Partei im Prinzip, zwei Häuser im Neubaugebiet. Die anderen sind alle Freunde von mir. Aber einer reicht, um so einen Kulturladen kaputtzumachen.
Rolf Stahlhofen:
Ja, es ist schade. Aber es gibt Menschen, die kennen diese Freude halt nicht.
Frank Mallm:
Da gehen regelmäßig um 22:00 Uhr die Rollläden automatisch runter und morgens wieder rauf. Die kennen dieses Lebensgefühl von schönen Sachen anscheinend nicht.
Rolf Stahlhofen:
Muss man die mal einladen – nicht zum Tribunal, sondern fragen: „Was ist die Möglichkeit? Was können wir machen?“ Und notfalls machst du es so: In der Pfalz ist es ja gerade sehr interessant, weil wir coolen Leute werden ja immer älter. Das heißt, ich denke mir jetzt auch: „Scheiße, es ist halb zwölf, ich bin erst um 1 Uhr im Bett.“ Ich hätte auch schon um 16:00 Uhr angefangen zu spielen und wäre um 19:00 Uhr fertig, dann säße ich um 20:00 Uhr auf der Couch! Vielleicht muss man einfach die Zeiten verändern und sagen: Wir machen unsere Veranstaltungen früher. Heutzutage ist der 60- oder 70-Jährige ja viel jünger als vor 30 Jahren. Der ist kulturbegeistert! Wir machen für euch Kultur von 17:00 bis 20:00 Uhr. In einer Welt, die immer digitaler wird, sind solche analogen Tempel absolut wichtig.
Noch mal ganz konkret: Was wirft der Bürgermeister dir im Moment vor, warum er den Laden zumachen will?
Frank Mallm:
Er hat vorzuwerfen – ohne zu messen! Kaum war er im Amt, wollte er einen anderen Laden schließen. Da hatte er den größten Widerstand, dann hat er drei Monate Ruhe gegeben und fängt plötzlich mit mir an. Ich weiß nicht, was diesen 73-Jährigen treibt, Orte, für die Großkarlbach bekannt ist, kaputtzumachen.
Der erste Austausch war, dass ich falsch geparkt hätte. Wir hatten einen Camper vorbereitet für Sardinien, der stand vorm Haus am Strom. Er kam vorbei: „Herr Mallm, das Auto steht im Halteverbot!“ Das war die erste Begegnung.
Und dann ging es los mit dem Flugblatt. Rolf Bachmann – der hat eine alte Jimi-Hendrix-Coverband seit 30 Jahren, ist jetzt 74 geworden – hatte ein Flugblatt verteilt. Darauf hat der Bürgermeister ein eigenes Flugblatt vor Ausschreitungen gewarnt! Der zweitletzte Satz war: „Ich hoffe, dass es nicht zu Ausschreitungen kommt.“ Und ich hatte bei 580 Konzerten keinerlei Vorfälle! Der Bürgermeister hat also ein Flugblatt mit Gemeindelogo machen lassen und empfohlen, die Polizei hinzuzuziehen. Das war eine reine Kompetenzüberschreitung. Dafür hat er sofort eine Abmahnung von meinem Anwalt bekommen. Wir sind vors Verwaltungsgericht wegen einer Unterlassungserklärung und haben gewonnen. Was er jetzt führt, ist anscheinend ein Rachefeldzug. Der Gemeinderat hat ihm sehr deutlich gesagt, dass sie das nicht wollen.
Rolf Stahlhofen:
Ihr braucht einen Mediator.
Frank Mallm:
Es folgen zwei weitere Unterlassungsklagen. Ich hatte zum Beispiel Toby Beard hier – sie hat ihr erstes Deutschland-Konzert 2011 bei mir gespielt, letztes Jahr war sie Vorband von Carlos Santana vor 12.000 Leuten! Ich habe sie wieder kontaktiert, sie kam vorbei und es war ein fantastisches Konzert. Dann kam Marcel Millot mit dem Peer Mathisen Trio. Ich habe die Gemeinde per E-Mail angeschrieben, ob man solche Highlight-Veranstaltungen nicht auf der Homepage bewerben könnte. Der Bürgermeister antwortete, bei der Ratssitzung hätte ich mich so unmöglich aufgeführt. Dann schreibt er: „Natürlich sind das fantastische Veranstaltungen, aber zuerst ziehen Sie die Klage vom Verwaltungsgericht wegen dem Flugblatt zurück!“ Er hat mich erpresst – geht gar nicht. Das ist die zweite Klage, die er jetzt am Hals hat.
Ich weiß nicht… die haben im Gemeinderat schon einen Hals auf ihn, weil er überall seine Nase reinsteckt und Sachen ohne Absprache macht. Ich bereue es, letztes Jahr nicht angetreten zu sein. Ich hätte zumindest eine Stichwahl erreicht oder wäre Bürgermeister geworden – und dann wäre Sodom und Gomorra über Großkarlbach hergefallen!
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